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VonRohan de Rijk

#87 Die Lust nach Stille

Lesezeit: 3 Minuten

Gönnen wir uns mal wieder einen Urlaub, haben wir uns gesagt. Nach zwei Jahren war es mehr als Zeit. Mal was anderes sollte es sein, wurde es auch. Niederlande hörte sich schon mal cool an. Resort mit eigener Kirmes, nicht von der Hand zu weisen. Essen, Trinken, Karussellfahren without a Limit, machen wir.

Und dann war es vorbei mit der Stille

Hätte man sich denken können, dass ein Hotel mit 1.000 Betten keine Oase der Stille ist? Hätte man sich denken können, dass ein Hotel, das auf Spiel und Spaß ausgelegt ist, nicht der ruhigste Ort auf dem Erdball ist? Hätten wir es uns vorher überlegt, was auf uns zukommt, hätten wir es trotzdem gemacht.
Aber der Kontrast hätte nicht größer sein können. Wochenende 1: Kaffee im Garten und man hört nichts (außer Vögel). Wer dies schon einmal erlebt hat, weiß, wie seltsam sich so eine Stille anhören kann.
Wochenende 2: Hunderte Leute, hunderte Stimmen und allerlei Hotelgeräusche zum Frühstück, Mittag- und Abendessen und zwischendurch sowieso.

Erholung pur?

Nein. Damit war nicht zu rechnen, auch damit nicht, dass es nicht die geringste Rückzugsmöglichkeit gab, außer das Zimmer, aber wer ist im Urlaub ein Stubenhocker. Also blieb einem nichts anderes übrig, als die Ohren auf Durchzug zu stellen und die Geräusche auszublenden.

Warum ist Stille wichtig?

Warum ist schlafen wichtig? Der Körper braucht den Ausgleich. Wach sein funktioniert auch über 24 Stunden hinaus, aber irgendwann kommt der Punkt, da wird der Tribut eingefordert, in diesem Beispiel der Schlaf. Und genauso geht es mit Geräuschen (vielleicht auch nur bei mir so). Eine gewisse Zeit ist eine Geräuschkulisse duldbar, aber dann braucht man die Stille, den Ausgleich vom Trubel. Man merkt, der Mensch ist Ying und Yang. Er (natürlich auch sie) braucht den Ausgleich, die Balance um eins zu sein. Bekommt er (oder sie) dies nicht, dann fängt es an zu bröckeln. Man wird mies gelaunt, andere Menschen gehen einem gehörig auf die Nerven. Jetzt weiß man, dass der Zeitpunkt gekommen ist, auf die andere Seite zu wechseln.

Lärm ist der Killer der Kreativität

Normalerweise bin ich, egal wo ich stehe oder sitze, kreativ. Satzfragmente für das Buch oder Visionen für Grafiken galoppieren durch das Hirn. Aber je mehr Dezibel, umso weniger kommt es zu einem kreativen Gedanken. Das feuchte Brötchen ist blockiert durch den Lärm. Es fühlt sich an wie eine Kastration der Synapsen, nichts oder nur sehr wenig will überspringen.
Nun, mag sich der geneigte Leser denken, ein wenig Pause wäre mal nicht schlecht, aber das ist es ja: Wäre es eine Belastung für mich, dann wäre es richtig. Aber Kreativität ist ein Teil meines lebenserhaltenden Systems.

Nochmal?

Natürlich würden wir wieder in Hotels mit vielen Menschen Urlaub machen. Es gab nicht nur die überwältigenden Massen. Teilweise waren die Karussells so leer, dass ich eine exklusive Fahrt hatte, ist doch auch mal was. Ich habe allerdings gemerkt, dass ich doch eher Team leise bin, wenn es darum geht, den Tag zu verbringen. Ausnahmen sind natürlich Kirmes, Musik oder Partys, nur empfand ich diese 8 Tage doch ein duldsam klein wenig zu viel des Lärmenden.

Lärm oder Unkoordination?

Ist vielleicht der Lärm nicht der einzige Faktor, warum ich so Events nicht immer ganz so gut aushalten kann? Leute, die im Weg stehe, nerven. Leute, die beim Büffet, an Engstellen oder im Eingang rumlungern, nerven. In einem Hotel mit 1.000 Betten sind das Umkreisen dieser Spezies Mensch schon eher ein permanenter Hindernislauf, mal mit vollen Tellern, mal mit einem Tablett mit vielen Getränken. Es nervt.

Wenn man das Gegenteil nicht kennt

Aber im ganzen Lärm und Menschen-Gewusel gibt es auch etwas, was man gelernt hat: Würde man die Erfahrung (des Lärms) nicht machen, dann würde man die Stille und deren darin innewohnende Kraft nicht zu schätzen wissen und so bin ich um einige Erfahrungen und etliche Karussellfahrten reicher.
Und zum Schluss noch einen Kopfschüttler: Eine Flüssigkeit, die man in ein Weinglas schüttet, ist nicht automatisch Wein.

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